Verlorene Kirchen - mehr erfahren

Ein fiktiver Rundgang durch das Innere Berlins zu Orten, an denen ehemals Kirchen standen, führt jedoch vor Augen, dass der Abbruch von Gotteshäusern schon weitaus früher begann. So wich die alte Domkirche wegen Baufälligkeit bereits im 18. Jahrhundert der Erweiterung der Schlossanlage, und die mittelalterliche Kapelle der Heiligen Gertraud , die zum längst aufgelassenen Gertraudenspital am Spittelmarkt gehörte und die diesen Platz noch jahrzehntelang in Schinkelscher Fassade prägte, musste 1881 der Straßenerweiterung und der Verlegung von Pferdebahnschienen weichen.

Eine große Zahl barocker Stadtkirchen hingegen bestimmte bis 1944/45 die Silhouette beider Städte...

Trümmerfrau vor der Dreifaltigkeitskirche

Stadtbildprägend waren die Berliner Kuppeln der Dreifaltigkeits-Kirche und der Bethlehems-Kirche, beide an der westlichen Flanke der Friedrichstadt gelegen und jeweils als barocker Zentralbau auf einem Stadtplatz im Zuge der Mauerstraße angelegt. Der Grundriss der böhmisch-lutherischen Bethlehems-Kirche ist seit 1999 in der Platzgestaltung nachgezeichnet. Die Dreifaltigkeits-Kirche, die die evangelische Kirche des ehemaligen Regierungsviertels war, befand sich östlich der Mohrenstraße. Die Kirche wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Es ist geplant, die unterirdisch vorhandenen Fundamente dieser Kirche  im Grundriss in dunkelrotem Klinkerpflaster niveaugleich im Gehweg und in der Fahrbahn nachzubilden.

Aber auch die weniger dominanten, wenngleich geschichtlich wichtigen Bauten der Dorotheenstädtischen Kirche auf dem bis heute freien Platz an der Dorotheenstraße, die Berliner Garnison-Kirche in der ehemaligen Frommelstraße, die bei der Verlegung der Spandauer Straße verschwunden ist, sowie die Luisenstädtische Kirche in der alten Jacobstraße standen als barocke Kirchen mit quergelagertem Rechtecksaal für die Baugattung, die seit der Zerstörung und dem Abbruch der Ruinen diese Bauten nach 1945 in Berlin nicht mehr erlebbar ist.
Den anteilig größten Verlust unter den nicht erhaltenen Kirchen hatten jedoch die Bauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu erleiden, evangelische wie katholische. Ganz abgesehen von den zahllosen vereinfachten Wiederaufbauten verschwanden dabei auch Gotteshäuser, die auf mittelalterlichen Wurzeln bauten: die hohe, domähnliche neugotische Petri-Kirche auf dem Petriplatz an der Fischerinsel, die als Mutterkirche der alten Stadt„hälfte“ Kölln seit dem 13. Jahrhundert nacheinander drei mehrfach veränderte Vorgängerbauten hatte; die im Rundbogenstil überformte, eigentlich barocke, aber eben auch auf eine mittelalterliche Spitalskapelle zurückgehende Jerusalems-Kirche auf einem heute nicht mehr erkennbaren Platz im Zuge der Linden- und der Kochstraße sowie die große neugotische Georgen-Kirche vor dem Alexanderplatz, die ihrerseits auf die Kapelle des Spitals zum Hl.Georg und danach auf eine barocke Gemeindekirche zurückging, wurden als Kriegsruinen abgetragen.
Unter den Kirchbauten der Berliner Schule Schinkels zählen die St.Andreas-Kirche auf dem Stralauer Platz, die St. Markus-Kirche in der Nähe des Strausberger Platzes an der Weberstraße, die Kapelle des Domkandidatenstiftes und dieanglikanische St. Georgs-Chapel , beide im Park des abgetragenen Schlosses Monbijou, sowie die St. Philippus-Apostel-Kirche an der Philippstraße auf dem Gelände der Charité zu den Kriegs- und Nachkriegsverlusten; die mächtige Ruine der katholischen St. Michaels-Kirche am Engelbecken gehört auch dazu. Sie alle waren hervorragende Zeugnisse für die „Berliner Schule“ typischen Rundbogenstils.
Unter den Totalverlusten nach 1945 an Kirchenbauten des Historismus befinden sich die neoromanische Gnaden-Kirche, ehemals im Invalidenpark, deren Entwurf zunächst für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche gedacht war; die skurril-pittoreske neugotische Lazarus-Kirche an der ehemaligen Grünberger Straße in Friedrichshain...

Matthias Hoffmann-Tauschwitz in „Kirche Berlin Potsdam“ Führer zu den Kirchen in Berlin und Potsdam, Morus Verlag, Wichernverlag 2003
Preis 12,80 €